Prosa

Liebes*Leben (Auszug)

 

„Du Süße, was geht in dir vor, was möchtest du?“

 

Sie sitzen an dem kleinen Flüsschen auf den Steinen, die das Flussbett freigegeben hat. Das Wasser fließt mit einem feinen, leisen Gurgeln um die großen Steine herum. In ihr ist eine Wehmut, die sie nicht zuordnen kann. Sie wird tief geliebt, alles könnte so gut sein. Und dennoch ist da ein nagendes Gefühl in ihr, das sie von früher kennt. Ein Sehnen, das sich Erfüllung wünscht. Ein Verlangen nach etwas Fernem, Tiefen. Ein Ruf.

 

‚Was ich möchte? Was ich wirklich wirklich möchte?‘ Immer wieder rumort diese Frage in ihrem Kopf und immer wieder sackt sie ein kleines bisschen tiefer in ihren Gedanken, aber bislang blieb eine Antwort ungehört. Jedesmal, wenn sie sich diese Frage stellt, wird sie ein kleines bisschen klarer, ein kleines bisschen mutiger, aber es geht ihr viel zu langsam und sie wird oft ungeduldig. Aber schlussendlich spielt Zeit wohl keine Rolle.

 

„Im Grunde möchte ich einfach nur dieses Leben in Freiheit leben.“

 

„Und was meinst du damit? Was bedeutet in Freiheit für dich? Und lebst du es nicht?“

 

„Nein, noch lange nicht.“ Sie spürt, wie sich der Gedanke in ihr aufkommt, wie denn das auch gehen soll, aber sie spricht ihn nicht aus. Sie will ihm keine Kraft geben. Sie will nicht mehr sagen ‚ich kann das nicht‘. Sie will ihr Leben sortieren lernen und Prioritäten setzen. Sie will sagen lernen ‚ich will‘ oder eben ‚ich will nicht‘. Sie beginnt sich ihm zu erklären. „Ein Leben in Freiheit bedeutet für mich in erster Linie angstfrei. Ich möchte mich dem Leben anvertrauen können, aus meinem tiefen Inneren heraus, in der Gewissheit, dass alles gut ist. Ich möchte es mir nicht nur einreden, und darauf hoffen, dass das stimmt. Ich möchte es so gerne wirklich tief verankert wissen. Und ich weiß, dass das geht, dass man das wissen kann. Ich habe das Gefühl, dass ich auf dem Weg dorthin bin. Aber noch ist etwas in mir so unsicher, und ich weiß überhaupt nicht, wohin die Reise geht. Noch kann ich mich längst nicht ganz und gar und vollkommen fallenlassen, noch habe ich dieses zutiefst verankerte Urvertrauen nicht in mir. Aber ich möchte es erlangen.“ Sie staunt selbst über ihre Ausführung und das Gefühl der Sicherheit in ihr, dass sie es auch erlangen wird. „Alles andere zählt doch nicht, alles andere ist doch nicht mein Sinn. Oder?“ Es ist nur eine rhetorische Frage und sie wartet gar keine Antwort ab. „Mein Sinn ist es, aus der Unsicherheit herauszufinden und die Sicherheit in mir so stabil sein zu lassen, dass nichts anderes mehr gilt, als meine mir immanenten Werte, eine alles umfassende Liebe und die sich ausdehnende, mich bis in den letzten Winkel erfüllende Freiheit, die sich darin erstreckt, ich zu sein. Dort werde ich sein, dort werde mich gefunden haben und die Suche wird zu Ende sein . Sein statt Suchen. Und dort werde ich in dieser absoluten Gewissheit sein, dass ich genauso, wie ich bin, gemeint bin, dass ich genauso wie ich bin, größtmöglich wertvoll bin. Nicht wertvoller als irgendjemand anders, aber auch nicht weniger wertvoll. Wir sind doch alle Kinder Gottes, Kinder des Lichtes, Kinder dieser Erde, die einem Himmelreich entstammen und denen es möglich ist, dieses Himmelreich auf der Erde zu manifestieren. Die Dualität soweit zu überwinden, um das Paradies wieder zu erschaffen, aus dem wir vermeintlich hinausgeworfen wurden. Hm. Vermeintlich. Ich glaube, in Wahrheit haben wir keine Schuld auf uns geladen, Männer nicht und Frauen nicht. In Wahrheit sind wir unschuldig und haben nur fälschlicherweise geglaubt, wir könnten schuldig sein. In Wahrheit sind wir Liebe und alles, was wir an Masken darüberlegen, weil wir glauben, wir seien es nicht, ist nicht die Wahrheit.“ Sie hält inne.

 

Er schweigt lange und hält sie fest im Arm. Er weiß wovon sie spricht. An vielen Stellen ist ihm diese Bewusstheit sehr klar und deutlich und manchmal steht er sich in seinem Alltagsleben auch selbst im Weg und hadert an der einen oder anderen Stelle. Aber wie sie fühlt er sich deutlich auf dem Weg dorthin.

 

Es genügt ihr als seine Antwort den sanften Druck seines Armes zu spüren, der sie fest an sich hält. Sie spürt Freiheit in diesem festen Druck, denn er ist ein Geschenk. Keine Erwartungserfüllung, kein Müssen, kein Sollen. Es ist ein körperlicher Ausdruck seiner frei geschenkten Liebe, seiner Wertschätzung  für sie und er lässt sie gleichzeitig völlig frei, das zu genießen oder nicht. Beides ist absolut ok für ihn. Sie darf so sein, wie sie ist.

 

„Ich möchte nicht mehr hadern.“ fährt sie fort. „Ich möchte mich dem Leben hingeben wie dieser Liebe. Noch vollständiger, noch bedingungsloser. Voller Vertrauen. In dieser Liebe erfahre ich eine so große ungekannte Freiheit und die Gewissheit, dass ich, aus Liebe heraus handelnd, nicht verletzen kann. Das ist so weit und so tief und bringt mich weit über bislang Gedachtes und Erlebtes hinaus. Und es bringt mich weit hinaus über das Regelwerk, das in mir installiert ist und mir beständig zuflüstert, was man macht und was nicht und warum jemand enttäuscht sein wird und dass ich doch nicht verletzen darf und dass ich doch geliebt werden möchte und dass doch jeder andere auch ein Recht hat, geliebt zu werden und ich es ihm doch dafür recht machen muss, damit er weiß, dass er geliebt wird. Und weißt du was dabei passiert? Ich vergesse wirklich zu lieben! Ist das nicht verrückt? Wenn ich wirklich tief verbunden liebe, dann ist doch das, was ich tue, annähernd unerheblich. Aber vor lauter 'der andere muss spüren, dass ich ihn liebe, also muss ich dieses oder jenes tun‘ kann ich die Liebe gar nicht wirklich frei fließen lassen. Ist das verrückt! Hast du „Emma‘s Glück“ gesehen? Mit wieviel Liebe diese junge Frau ihr Schwein schlachtet? Die Liebe ist viel größer als jede Verletzung. Die Liebe ist alles. Alles ist Liebe. Und was für ein Glück, wenn wir das spüren dürfen, erst in kleinen Momenten, aber ich bin gewiss, es wird wachsen und mehr werden und dann werden wir die Liebe in allem erkennen können. Und Zweifel wird unnötig und Verletzung unmöglich und der Tod wird uns keine Angst mehr bereiten.“

 

„Wow.“ Er ist beeindruckt von ihrem Wortschwall. Soviel spricht sie selten an einem Stück und er genießt es, wenn sie so aus sich heraus kommt. „Ich denke du hast recht, ich sehe das auch.“ Er streicht zart über ihre Haare und hält sie sanft im Nacken, um ihr einen Kuss zu geben. „Ich bitte dich, liebe. Nimm Liebe, gib sie. Verteile sie, verströme sie. Und probiere dich aus. Probiere dein Leben aus. Lote es aus. Probier aus, was passiert, wenn du aus Liebe handelst. Und nimm das Leben an in seiner ganzen Fülle.“ Er schweigt und fügt hinzu „so, wie du meine Liebe immer mehr und mehr annimmst.“

 

Sie nickt stumm, von Dankbarkeit erfüllt. Das Sehnen spürt sie noch immer. Das Sehnen in ihrem Herzen, wirklich und in jedem Moment, das zu tun, was ihr Herz aus seiner tiefen Liebe heraus flüstert. Das Sehnen, ihr Herz zu hören und ihm nachzugeben in jedem Moment. Denn dort, da ist sie sich sicher, würde sie das Gefühl haben, sich gefunden zu haben. Wenn sie ihr Leben ausprobiert, in all seiner Fülle annimmt und sich nicht mehr zurücknimmt, sondern wenn sie sichtbar wird. Sie schweigen und hören dem Fluss zu.

 

„Weisst du was? Manchmal kommt es mir vor, als stünde ich auf einem Spielfeld, einer Art Brettspiel und ich kann entscheiden, was passiert. Es ist alles mit mir verbunden, jede Regung,  jede Bewegung, die ich ausführe, bewirkt etwas an anderen Stellen des Spielfeldes. Wir alle sind miteinander verbunden, jede Regung, jedermanns, jederfraus hat eine Auswirkung. Insofern bin ich die Bestimmerin dessen, wie meine Welt aussieht. Und du bestimmst deine Welt. Und beide Welten sind wahr. Und gleichzeitig sind sie nur Illusionen und Spielmomente und das, was ich Leben nenne, ist vielleicht nur ein Traum, aus dem ich irgendwann irgendwo aufwache. Und wenn ich aufwache, erinnere ich mich an mehr oder weniger viele Bruchstücke, aber das macht nichts, denn alles ist in mir und ich bin alles und jeder Moment, der irgendwo auf der Welt geschieht, geschieht in mir und ich in ihm.“ Sie stockt. „Und dann denke ich, ich darf nicht weiter darüber nachdenken, sonst werde ich noch völlig verrückt.“

 

„Ver-rückt, das ist gar nicht so schlecht.“ wirft er ein, „herausgerückt aus den Normen und Strukturen dieser Welt, das ist doch eigentlich ganz schön gut, oder? Raus aus diesen festgefahrenen, falschen Angststrukturen...“

 

„Ja, vielleicht, aber es ist trotzdem ein schwammiges Gefühl, weil mir dann all meine Kontrolle verloren geht und ich keine Richtschnur mehr habe...“

 

„Du willst doch nicht richten und urteilen. Da ist das doch genau richtig!“ Er triumphiert schmunzelnd.

 

„… weil ich irgendwie verbindend denke, und das scheint eigentlich gar nicht erlaubt gerade, in diesen Zeiten wo es soviel um Trennung geht. Ich sehe in manchen Momenten weit über das hinaus, was um mich passiert und sobald ich es fassen will, flutscht es weg, wie ein Stück nasse Seife. Bilder von einer Welt, die so anders ist. Bilder von einem Sein, das so anders. Bilder von einem puren Sein, in dem nicht Äußeres mehr zählt und wichtig ist. Was zählt ist diese Verbindung zwischen allen und allem und ich sitze und staune, wie unfassbar weit wir davon entfernt zu sein scheinen. Und doch ist es so nah. Es ist doch genau hier. Gerade jetzt. Und da soll ich nicht das Gefühl haben, verrückt zu werden?“

 

„Ich verstehe, was du meinst.“ Er drückt sie fest an sich. Diese Zeiten sind sehr speziell. Und doch weisen sie auch einfach nur den Weg in die Tiefe des eigenen Selbst. Was für ein Geschenk ist ihre Begegnung. Die Liebe, die er zu ihr spürt, erfüllt ihn tief. Und dadurch, dass er diese Liebe zu ihr fließen lassen kann, ist er selbst von Liebe erfüllt. Es mutet bedingungslos an. Wie ein Ausdruck der bedingungslosen Hingabe, eines bedingungslosen Vertrauens, eines bedingungslosen Loslassens, das sie beide miteinander erleben dürfen und das wie ein Mikrokosmos zu sein scheint, der für den Makrokosmos ihrer beider Leben und der Welt steht. „Du bist ein Geschenk.“ flüstert er. Sie schweigt dankbar.

 

„Hab‘ keine Angst.“ fügt er nach einer Weile hinzu.

 

Sie sitzen noch lange schweigend am Fluss. Das Wasser strömt unbeirrt an ihnen vorbei, beharrlich glucksend und gluckernd, beständig und beruhigend. Es wird weiterfließen. Auch wenn sie längst nach Hause gegangen sind.


Manouka und die Kraft des Feuers (Auszug)

 

Manouka sitzt auf der Bank hinter dem Haus im Schatten und beobachtet ihre Großmutter, die langsam und bedächtig auf die sorgfältig geschichteten Hölzer blickt. Es ist später Nachmittag, die Sonne leuchtet bereits in dunklem orangerot auf die aus der Winterruhe wieder erwachenden Obstbäume. Amseln künden vom Frühling, der sich nicht mehr aufhalten lässt und sein Kleid über aller Natur ausbreitet. Auf der Wiese blühen erste Krokusse und Märzenbecher und unter den Bäumen strecken sich zarte Schlüsselblumen in hellem Gelb dem dunkelnden Himmel entgegen. Manouka lauscht und hört den nahenden Frühling, der sich nur für eine kurze Nacht wieder zur Ruhe begeben wird, um sich morgen mit noch größerer Kraft Bahn zu brechen.

 

Großmutter und sie werden heute Nacht ein Feuer entzünden, wie jedes Jahr zu dieser Zeit, wenn sich der Tag und die Nacht in zeitlicher Ausgewogenheit gleichen. Ein Schnittpunkt, der die eine Form der Wende darstellt, die die Sonne auf die Erde scheinend durchläuft. Es ist eine kleine Wende, wenn der Tag beginnt länger zu werden als die Nacht und die Nacht sich mit der immer kürzeren Zeitspanne zufrieden gibt. Die Erde selbst läuft weiterhin gleichermaßen so um die Sonne, dass die Beständigkeit des Tageswachstums erhalten bleibt.

 

„Großmutter“ Manouka ist aufgestanden und läuft die wenigen Meter auf ihre Großmutter zu. „Pst“ erwidert diese leise. Manouka stupft sie daher nur am Arm und zeigt dann auf den großen Vogel, der weit über ihnen langsame Kreise zieht. Die Großmutter lächelt. „Da bist du ja“ begrüßt sie den Vogel hoch oben in der Luft und nimmt seine Energie wahr. Weitblick, Überblick, Detailblick. Der Blick auf das Wesentliche. „Weißt du, welcher Vogel das ist?“ fragt die Großmutter. Manouka nickt. „Ich denke, es ist ein Bussard“. „Stimmt genau“ freut sich die Großmutter. „Und jetzt sei noch ein paar Momente leise und verbinde dich in deinem Herzen mit der Kraft des Feuers, ja?“ Manouka nickt und setzt sich im Schneidersitz vor den dichten Steinkreis in dessen Mitte ein stattlicher Berg an Holzscheiten aufgeschichtet ist. Die Großmutter steht andächtig. Auch sie verbindet sich mit dem Feuer, das hier bald brennen wird, und an den Bewegungen ihrer Lippen sieht Manouka die Segnungen, die ihre Großmutter spricht. Manouka weiß um die Kräfte des Feuers. Es verbrennt Altes, das was wir nicht mehr benötigen auf unserem Weg und transformiert es. Es bleibt Asche, aus der Phönix steigt, Symbol der Kraft des Neuen, eines Neubeginns, eines neuen Entschlusses, eines neuen Seins. Das Feuer symbolisiert die Kraft des Menschen für etwas zu brennen, etwas, das ihm super wichtig ist, das er erreichen möchte, leben möchte und in Manoukas Verständnis bringt das Feuer durch seine große Hitze auch alle Energie, die man benötigt, um drauf zuzugehen und den Traum, für den man brennt, auf die Erde zu bringen. 

 

Manouka schließt sich der Großmutter an und betet in ihren eigenen Worten, ganz so wie sie es von ihrer Großmutter gelernt hat, für eine gesunde Welt, eine heile Welt, in der Freude und Glücklichsein vorherrschen. Großmutter sagt, dass es sicher ist, dass das Leben auf der Erde sich dahin verändern wird, wann das sein wird ist jedoch noch nicht klar. Obwohl, der Zeitpunkt ist eigentlich auch jetzt, wenn man bedenkt, dass Zeit eine Illusion ist und daher im Grunde immer alles gleichzeitig geschieht. Das kann sich Manouka aber nicht vorstellen. Vor sich sieht sie die Feuerstelle, das Holz, die feinen Hölzer unten, größere obenauf, damit es später leicht brennt. Jetzt brennt es noch nicht. Also gibt es ein Jetzt und ein Später. Und es gibt ein Vorhin, da war die Feuerstelle noch leer und ihr Boden von alter kalter durchnässter Asche bedeckt. Aber Manoukas Großmutter hat ihr erzählt von einer Ebene des Seins, in der die Zeitlinie nicht mehr existiert und alles zur gleichen Zeit stattfindet. „Vielleicht“ kommt ihr in den Sinn, „vielleicht ist das in dem Moment, wenn alle Menschen gleichzeitig nur ganz ganz ganz genau Jetzt sind, ohne sich in Gedanken in ihrer Vergangenheit oder ihrer Zukunft zu bewegen.“ Sie will sich den Gedanken unbedingt merken, um Großmutter später zu fragen.

 

Die Großmutter hat zwischenzeitlich einen Kreis um die Feuerstelle herum vollendet und setzt sich auf ihr kleines buntes Stühlchen. „Manouka, ich möchte dir etwas erzählen“ setzt die Großmutter nach einer kurzen Weile an. „Und dann werden wir das Feuer entzünden und für Großmutter Erde und die Menschen beten.“ Manouka rutscht noch etwas näher an die Großmutter heran.

 

„Ich möchte dir erzählen von den Gefahren, die es haben kann, wenn wir Menschen zu viel auf unsere Defizite acht geben und zu wenig dankbar sind. Wenn wir zu wenig in uns selbst ruhen. Zu wenig mit uns selbst verbunden sind und mit dem großen Ganzen, das um uns herum ist und dessen wir ein Teil sind.

 

Es war einmal eine Zeit, und die ist jetzt. Und ich sehe, dass die Menschen nicht sehr verbunden waren. Viele von ihnen. Sie denken, das wichtigste im Leben wäre zu funktionieren, zu arbeiten und zu tun, was erwartet wird. Sie wissen nicht mehr, wie wertvoll sie sind, welche großen Schätze sie in sich tragen, die sie zu verschenken haben und sie haben vergessen, dass es Fülle gibt auf Erden. Sie haben auch vergessen, dass sie die Welt selbst gestalten. Und weil sie nun mit sich selbst unzufrieden sind und keine Verbindung spüren zu ihrem wahren Sinn, zu dem Licht, das sie alle in sich tragen und zu der Liebe, die sie alle  untereinander verbindet, versuchen sie sich Erfüllung von außen zu holen. Sie fahren schnelle Autos, um zu merken, dass sie schnell sind. Sie verdienen möglichst viel Geld, um zu merken, dass sie reich sind. Wenn sie nur wenig Geld verdienen, denken sie, sie sind arm und wertlos. Sie essen sehr viel, um zu merken, dass es Fülle gibt. Sie sind sehr beschäftigt, damit sie merken, dass sie wichtig sind. Sie verwenden viel Aufmerksamkeit darauf, einem Ideal zu entsprechen, um zu merken, dass sie schön sind. Sie haben keine Zeit mehr für unwichtige Dinge, die kein Geld oder Ansehen erbringen. Sie wollen wichtig sein und bewundert werden. Schön und begehrt. Reich und gesund. Deshalb haben sie auch viele Ärzte und Krankenhäuser, von denen ich gar nicht weiß, warum sie nicht viel besser Heilungshäuser heißen, wenn sie doch Heilung bringen sollen.“ Die Großmutter macht eine kurze Pause. Es ist ihr wichtig Manouka das alles zu erzählen, damit sie ein bisschen verstehen konnte, was um sie herum geschah. „Und weißt du, woher es kommt?“ Manouka sieht sie gespannt an und schüttelt langsam den Kopf. Großmutter würde es ihr gleich erklären. „Schau“ sagt sie „es ist wie mit dem Feuer. Es hat eine enorme Kraft, es bringt uns Wärme, wir können kochen, es transformiert Energien, es beschenkt uns. Aber es kann auch ein Haus abbrennen und Menschen können darin umkommen. Wenn die Menschen ihre Aufmerksamkeit nicht voller Dankbarkeit auf das Feuer richten, sondern Angst vor ihm bekommen, dann werden sie es vercahten, sie werden versuchen, es zu meiden, sie werden ihre Häuser versichern, damit, wenn das - in ihren Augen böse - Feuer kommt, sie nicht vollkommen auf der Straße stehen. Sie sehen die Kraft und das Gute nicht mehr und sind nicht mehr dankbar, sondern sie sehen nur noch die Schattenseite. Und so ist es nicht nur mit dem Feuer, so sehen die Menschen das ganze Leben. Sie haben Angst vor dem Leben, weil es den Tod bringt. Sie haben Angst vor Schmerz und Leid und Verlust und vor dem Tod. Und wenn die Menschen Angst haben, tun sie absonderlichste Dinge und das Wesen der Angst ist, dass wir nicht mehr mit weitem offenen Herzen blicken können, sondern sehr eng sind und in allem um uns herum eine Gefahr wittern, vor der wir uns schützen müssen.“

 

Die Sonne verschwindet hinter dem Horizont und fast schlagartig wird es dunkel. Die Amsel beendet ihr Frühlingswillkommenheißen und es wird still. Großmutter steht auf. „Lass uns das Feuer anzünden“ sagt sie und greift nach zwei schmalen langen Holzstreifen, die sie vorher zurecht gelegt hatte. Mit einem Streichholz entzündet sie beide und reicht Manouka den einen davon. Manouka ist aufgestanden und nimmt ihn achtsam entgegen. Er darf jetzt nicht ausgehen. Sie hält den Blick fest auf die kleine Flamme gerichtet und tariert das Holzstückchen geschickt aus, damit das Flämmchen gut brennt. Währenddessen ist die Großmutter auf die gegenüberliegende Seite der Feuerstelle gegangen. „Bist du bereit?“ ruft sie und als Manouka nickt fügt sie an, „dann los!“. Beide entzünden gleichzeitig die dünnen Hölzchen unter den Holzscheiten mit ihren Flammen und die Großmutter spricht einen Segen für das Feuer. Die Flammen breiten sich rasch aus und die beiden stehen sich gegenüber, das beständig größer werdende Feuer zwischen sich und beobachten die züngelnde Kraft der Flammen, die sich emporarbeitet, die Holzscheite entlang wächst und das Dunklerwerden der nahenden Nacht mit einem immer helleren gelben Schein erleuchten. Ein lebendiges bewegtes Licht, das sowohl Lichtstreifen wie auch Schatten in seinem Umkreis tanzen lässt. Manouka steht eine lange Weile still, dann hält sie es nicht mehr aus. Es ist sooo schön hier und sie ist soo glücklich und in ihr sprudelt es und sie muss sich jetzt einfach bewegen und hinaus singen, wie gut es ihr geht. Eine kraftvolle Lebendigkeit durchströmt sie, es ist als ob die Kraft der Flammen sie innerlich erfasst und sie beginnt dem Feuer ein Lied zu singen. Sie hat es sich gerade ausgedacht. „Feuerflammen sind so hell, brennen heiß und  lichterloh, schau nur wie das Feuer prasselt, Großmutter, ich bin so froh“ und sie tanzt hinüber zu ihrer Großmutter, die lacht und sie herzlich drückt und umarmt, bis Manouka weiter tanzt um das Feuer herum in vielen Kreisen. Es ist ihre Form des freudvollen Gebets, eine Huldigung an die Lebendigkeit und an die Kraft des Feuers.

 

Sie ist glücklich und ganz außer Atem, als sie bei ihrer Großmutter wieder  inne hält. Erst als das Feuer schon ein wenig heruntergebrannt ist und etwas ruhiger brennt, setzen die beiden sich wieder an den Rand der Feuerstelle und während sie mit den Augen noch fest in den Flammen versunken sind, spricht die Großmutter wieder. „Danke Feuer, dass du bei uns bist. Danke, dass du uns zeigst wie wir brennen in größtmöglicher Lebendigkeit für das, für was wir auf der Erde sind. Du bringst uns Kraft, Energie und warme Helligkeit. Danke.“ Und nach einer Pause fährt sie fort. „Manouka, vergiss es nicht. Wir sind Menschen hier auf unserer Reise auf der Erde und wir haben einen Wesenskern, der universell ist, dem göttlichen Licht gleich. Wenn wir auf unser Inneres hören, auf dieses Licht in uns, wenn wir uns an uns selbst anbinden und an die Kraft des Lebens, dann werden wir unseren Weg sicher durch das Leben gehen. Liebe ist immer da, ihr dürfen wir uns anvertrauen, alles andere macht keinen Sinn. Angst ist da, um uns zu schützen vor Gefahren, damit wir in manchen Situationen vorsichtig sind, aber sie ist keine Kraft, in die es sich lohnt zu vertrauen. Viele Menschen haben zu viel davon angenommen, sie haben zu viel auf das Pferd ‚Angst‘ gesetzt. Diese Menschen haben verlernt an das Gute und an die Liebe zu glauben und sich dem Fluß des Lebens anzuvertrauen. Sie haben sogar verlernt an das Gute und an die Liebe in sich selbst zu glauben und sich selbst zu vertrauen. Sie wissen nicht mehr wie leben geht, wie man im Hier und Jetzt an einem Feuer sitzt und dankbar ist für das Leben. Sie wissen nicht mehr wie es sich anfühlt, wenn der Raum im eigenen Herzen weit wird und immer weiter und sich öffnet für das Leben und für alles um einen herum. Sie haben vergessen, dass das Leben schön ist und Freude sein darf, das wir freie liebevolle Wesen sind. Ich bete dafür, dass wir alle es wieder erinnern.“

 

Großmutter legt ihren Arm um Manouka und zieht sie noch näher an sich. Sie breitet ihren breiten Wollschal um das Mädchen und Manouka kuschelt sich wohlig an ihre Großmutter. Die Flammen werden langsam kleiner. Die alte Weise und das kleine Mädchen sitzen noch lange in der Stille derNacht, begleitet von den leiser werdenden Geräuschen der Flammen, die noch wenig züngeln an Holzresten, die manchmal zischen und die noch vereinzelt Funken in das Dunkel der Nacht sprühen. Und die beiden wissen, dass auch wenn dieses Feuer die Nacht nicht überlebt, sie beide haben ihr eigenes inneres Feuer, die Liebe und ihren Sinn im Leben, für den die Feuerskraft in ihnen brennt.