Abschied von Nicolas

meine Abschiedsworte für dich

Emmendingen

am 10. Januar 2026

 

Eigentlich wollten wir im Wald sein, denn der Wald war ihm seit jeher Heimat. 

Und im Wald ist er - vor morgen 42 Tagen - gestorben, hat die Welten gewechselt.

 

Wetterbedingt sind wir jetzt in seinem Werkstatt, inmitten seines Wirkfeldes, und all dieses Holzes… das ja zumindest auch aus dem Wald stammt.

 

Mit Nicolas geht eine große, tiefe Musikerseele aus unserer Mitte, ein hoch intuitiver und feiner, sensibler Mensch, ein Freund und geschätzter Mitmusiker, ein Geliebter und Liebender, ein Vater und Opi, und für 33 Jahre der Partner an meiner Seite.

 

Nicolas hat ein großartiges, reiches, erfolgreiches und erfülltes Leben gelebt.

Und neben seinem großen Lebenswerk, neben all den Instrumente und der Musik hat er einen enorm intensiven Seelenweg gemeistert und tiefste Tiefen durch taucht.

Bis es nicht mehr ging. Darauf komme ich gleich noch zurück.

 

Zuerst mag uns einladen, anzukommen, hier in seiner Werkstatt. Jetzt. Zu atmen. Und zu erinnern.

Im Blick auf Nicolas und sein reiches Leben möchte ich versuchen, mich auf Wesentliches zu konzentrieren und ein bisschen davon skizzieren.

 

Der frühe Verlust seiner Mutter als er gerade 5 ist und die Verwirrungen in seiner Adoptivfamilie verursachen eine immer währende Suche nach der Liebe, nach einer wahrhaften Liebe, die bedingungslos ist und die das Kind in ihm niemals verlassen hätte…

 

Seinen Vater lernte Nicolas nie kennen, doch ohne es zu wissen, war er in seine Fußstapfen getreten, denn auch er war Künstler.

 

In seinen Jugendjahren waren der „Teepott" in München Pasing wichtig und die Samba-Gruppe. Nicolas schließt hier Freundschaften für’s Leben, etwa mit Andi oder Stefan, mit Michael und Engelbert. Und er beginnt zu trommeln, lernt Gitarre spielen und nimmt später auch etwas Trompetenunterricht. 

 

Allerdings spielt er ohne je Noten lesen zu lernen. Er selbst hat das mitunter als Manko angesehen, für mich ist es immer umso beeindruckender gewesen, wie großartig sein intuitiver Ausdruck war, wie groß seine Fähigkeit und sein Gespür waren, das, was ausgedrückt werden will oder das, was im Raum bereits schwang, aufzunehmen und in Klang umzusetzen. Immer ganz das Eigene, nie einfach nur irgendetwas nachgespielt.

Er selbst beschreibt sich als „Multi-Dilettant“, für mich ist es eine ganz ganz große Gabe. Eher ein absolutes Multi-Talent.

 

Neben der Musik ist ihm immer auch die Kunst wesentlich. Beide sind ihm auch Rettung in schwierigen Phasen, etwa dem ausgesprochen schwierigen Adoptivelternhaus. Und er verbindet beides zunehmend, es entstehen Objekte, die klingen oder - noch besser - durch den Betrachter aktiv zum Klingen gebracht werden können. Eines seiner ersten Objekte war „die Rettung“, ein Floß, das gleichzeitig Gitarre war… sein letztes „der Fährmann“, der jetzt bei Horizonte tönt.

 

1994 verbindet Nicolas verbindet seinen Faible für Musik und sein künstlerisches und kunsthandwerkliches Können und meldet ein Gewerbe an für „die Herstellung und den Vertrieb von Kunst- und Klangobjekten“. Damals entstanden erste Instrumente in einer winzigen Werkstatt in einem Kellerabteil und Nicolas verkaufte sein Motorrad, um eine Bandsäge zu erwerben, die er bis heute hat. 10 Jahre später bezog er diese wundervolle, von ihm selbst konzipierte und eingerichtete Schreinerei mit allem, was sein Instrumentenbauer-Herz erträumte.

 

Eher zufällig als Raumausstatter ausgebildet, brachte er sich alle Handwerkskunst für den Instrumentenbau selbst bei. Akribisch. Perfektionistisch. Bis ins kleinste Detail..

Er setzt sich mit kleinen und großen Schreinereimaschinen auseinander, mIt Leimverbindungen, Oberflächenbehandlungen, Saitendicken, mit musiktheoretischen Gesetzmäßigkeiten und den Klangeigenschaften verschiedenster Materialien. Er bringt sich mit einem großem Perfektionismus alles bei, was es braucht, um diese wundervoll schönen Instrumente herzustellen, die in Feinheit und Sorgfalt, Präzision und Ausführung, und vor allem im Klang eine Meisterleistung sind. Gerade auch weil er wahrlich mit Herz und Seele arbeitet.

 

Aus anfänglich kleinen Perkussionsinstrumenten, Regenmachern und ersten Schamanentrommeln werden im Laufe der Zeit mehr und mehr hochprofessionelle und wundervoll klingende und schwingende Instrumente.

Nicolas möchte am liebsten den gesamten Reichtum aller Klänge anbieten können und wenigstens so viele Klänge wie irgend möglich in die Welt geben. Immer wieder probiert er aus, tüftelt, baut nach, verbessert, erfindet. Neues zu entwickeln war Nicolas’ Leidenschaft. Ich habe in den vergangenen Tagen einmal grob überschlagen: Es sind weit über 40 verschiedenste Instrumente, die er im Laufe der Jahre hergestellt hat…

Die Schnittstelle zwischen Kunst und Klang war ihm eine besondere Faszination und innerlich aufgeblüht ist er bei der Herstellung von Sonderanfertigungen, in denen diese Herausforderung zu meistern war.

In einer inneren Ambivalenz zwischen der Freude an der Einmaligkeit des Instrumentes und der eventuell zumindest wirtschaftlich sinnvollen Option mehrere Stücke herzustellen.

 

Ich möchte kurz noch die zwei wesentlichen Strömungen erwähnen, die es innerhalb der Anklang’schen Instrumentenbau-Ära gab:

 

Ab 2005 ist über sicherlich ein gutes Jahrzehnt ein großer Schwerpunkt der Bereich der Rahmentrommeln. Ich erinnere mich gut an mehrfache Treffen mit Murat Coşkun damals bei uns im Garten. Wir haben ihn ermutigt, Tamburi Mundi ins Leben zu rufen und versprachen, Rahmentrommeln für die Kurse zur Verfügung zu stellen. In diesem Zusammenhang folgten einige Signature-Drums für großartige Rahmentrommler, für Murat selbst die Kara Def, für Andrea Piccioni ein Tamburello, für Gilson de Assis ein sehr besonderes Pandeiro, und für den Altmeister Glen Velez ein Paar Signature-Shaker. Mehrere Duzend Entwürfe hatten wir damals nach New York geschickt, aus denen Glen sich sein Shaker-Paar aussuchte.

 

Und ab etwa 2012 verlagert sich der Schwerpunkt - wohl auch aufgrund seiner eigenen Suche nach Heilsein - zunehmend in den Bereich der therapeutischen Einsatzbereiche und das Herzstück von Anklang wird der Monochordbau. Große und kleine Monochorde entstehen, mit Tambura und ohne, als Kotamo oder in der Entwicklung für René van Osten als I Ging Monochord. Ungezählte Musikerinnen, Musiktherapeuten und musiktherapeutische Einrichtungen freuen sich seither über diese besonderen Instrumente, in Deutschland ebenso wie im nahen und ferneren Ausland. 

 

Es gab eine gute Handvoll Instrumentenbauer seit den späten 90er Jahren, die dafür sorgten, dass neuartige und ungewöhnliche Instrumente und Klänge Einzug hielten in die musikalische Vielfalt, in Weltmusik, Perkussionsreichtum und die Musiktherapie ihre Basis erhielt.

Nicolas ist einer von ihnen!

 

ich habe schon erwähnt, dass Nicolas auch eine tiefe Suche nach Heilsein innewohnte. Eine Suche nach Tiefe und nach Wahrheit.

Und darin liegt natürlich auch sein spiritueller Weg.

Mit 18 zieht Nicolas in ein anthroposophisch geführtes Jugendhaus. Er lernt ein ganz neues Miteinander kennen und die Bestätigung von Kräften jenseits des Sicht- und Anfassbaren.

Mitte der 80er Jahre lernt er Peter kennen. Er ist für Nicolas ein weiterer Freund fürs Leben und Begleiter auf einem spirituellen Pfad. Durch ihn lernt Nicolas einen indischen Meister kennen, dem er über 2 Jahrzehnte stark verbunden sein wird: Maharaji, Prem Rawat. Um ihn zu sehen, reist Nicolas vielfach durch Europa und bis in die USA. 

Seine Suche erweitert sich später bei Bernhard Mack und der Core Dynamik, die ihm einige großartige tiefe Erfahrungen schenken. Wichtige Freundschaften entstehen auch dort, mit Bernhard selbst, mit Elke, mit Almut und Bernie. 

Des öfteren tritt Nicolas Reisen mit heiliger Medizin an und erfährt tiefe Erkenntnisse. Und auch die Ausbildung zum Birth-into-Being-Facilitator bei Elena Tonetti und eine Fortbildung im Familienstellen bei Charles beeindrucken ihn. All dies ist immer geprägt von seiner Suche und seinem Forschen nach Tiefe und nach der eigenen Heilung.

Im Grunde fließt in jedes Instrument, in jedes Musikmachen, in jedes Objekt diese seine Suche ein.

Und es fließt auch in seine Beziehungen ein.

 

Jetzt muss ich also auch ein bisschen von uns erzählen….

Nicolas lernt mich 1992 in München kennen. Sozusagen im Doppelpack, denn ich habe meine 5 Monate alte Tochter Serena dabei. Es ist genau dieses Moment für ihn wesentlich und spricht sein Herz an, er will fürsorglich sein für mich und für sie. Für Serena wird Nicolas zum Vater, der sie tief liebt, auch wenn er das in späteren Jahren nicht immer zeigen konnte und das Miteinander mitunter nicht einfach ist, weil sehr verschiedene Bedürfnisse aufeinander treffen. Im Grunde seines Herzens ist Nicolas höchst dankbar dafür, Serenas Vater sein zu dürfen, und war in jüngster Zeit - so gut sein Gesundheitszustand es zuließ - glücklich mit und über sein Enkelmädchen Yasna. 

 

Und wir haben ein großes gemeinsames Potential. Anklang gäbe es so nicht, wenn wir nicht zusammen gewirkt hätten. Unsere Fähigkeiten haben sich ineinander verwoben, wir waren ein richtig gutes Team. In der Führung der Firma, in den 33 Trommelbaukursen, in denen wir fast 160 Schamanentrommeln ins Leben begleitet haben, in den Seminare in Birth-into-Being, die wir gemeinsam angeboten haben. Und ich habe es immer mega genossen, wenn er mich auf meiner Lesungen begleitet hat.

 

Wir haben eine tiefe Verbundenheit erlebt - und erleben sie noch -, über die vielen Jahre und über viele Krisen hinweg. Auch diese. Es war nicht immer leicht. Wir haben uns sehr verwoben mit unseren Themen.

Nicolas’ Forschen nach Wahrheit und Suche nach Anerkennung und Liebe fließt ebenso in seine Beziehungen ein., wie auch ein beständiger Freiheitswunsch.

 

Geliebt und frei zugleich. Der Wunsch nach Freiheit wird auch unsere Beziehung auf manchen Prüfstand stellen. Und wir werden üben, sie uns zu zu gestehen und zu leben. Wir heiraten 2013 für unsere Verbundenheit und für die Freiheit und beschließen später in dieser Verbundenheit, unsere Beziehung zu öffnen.

 

Dadurch erleben wir beide neue Räume und Nicolas verbringt 3 zuversichtliche und glückliche Jahre mit Heike.

 

Vor einigen Jahren begann dann jedoch erneut eine depressive Phase für Nicolas.

Eine erste, etwa 2010 bis 2012 hatte er überwunden.

Er sucht noch intensiver als eh schon nach Heilung und Schmerzlinderung.

Quasi überall, in Kreativtherapie und Familienstellen, durch Homöopathie, Anthroposophie oder Mikronährstoffe und bis in verschiedene Abteilungen der Uniklinik Freiburg.

Die körperlichen Symptome verstärken sich trotzdem, ebenso wie Dauerschmerzen, für die keine Linderung gefunden werden kann.

 

Und mit jedem Ausbleiben einer nachvollziehbaren und vor allem behandelbaren Diagnose wächst seine Hoffnungslosigkeit.

Sein offensichtlich unaufhaltsam immer schlechter werdender Gesundheitszustand verzweifelt ihn zutiefst.

Am Ende siegt die Kraftlosigkeit und die Hoffnungslosigkeit. Die Angst vor „Siechtum", wie er es benennt, dies schleichende, aber kontinuierliche Wenigerwerden von Können, von Mobilität, von Feinmotorik.

Er verliert Vertrauen und Zuversicht. 

Sein offensichtlich unaufhaltsam immer schlechter werdender Gesundheitszustand verzweifelt ihn zutiefst.

 

Für mich und für viele, die ihn begleiteten, ist sein Weg schwer nachzuvollziehen. 

Mein Verstand kann es noch immer nicht erfassen.

Ich konnte diese tiefe Not, diese Schmerzen, diesen Fokus darauf und die schwindende Lebenskraft nicht wirklich begreifen. Ich fühlte mich ohnmächtig neben ihm.

 

Es gibt einen Sinn, den wir nicht wahr nehmen können, weil wir das ganz große Bild nicht sehen können.

Es gibt einen Lebensweg, über den wir in diesem Unwissen nicht urteilen können.

Aber es gibt in mir die Gewissheit, dass Nicolas seinen Weg bestmöglich gegangen ist.

Durch die Tiefe ins Licht.

Durch seine Einsamkeit in das Alles-Ist-Eins und in die Arme der bedingungslosen, alles umfassenden Liebe.

Durch die Ohnmacht den Schmerzen gegenüber in die eigene Entschlusskraft.

Durch die Überbewertung der Illusion des Vergänglich-Irdischen in die einzige Wahrheit, die ist.

Durch den irdischen Tod in das ewige Leben.

Das ist, was ich zutiefst weiß.

Seit jetzt.

 

Dafür bin ich tief dankbar.

Ich bin dankbar für diese langen Jahre miteinander.

Für die tiefe Vertrautheit, die wir hatten.

Für all die schönen Momente, Erlebnisse, all das gemeinsam Geschaffene und miteinander Geteilte.

Für alles, was wir gemeinsam in die Welt schenken konnten.

Und ich bin - neben der tiefen Erschütterung und der großen Traurigkeit, dass es nicht anders möglich war - sogar dankbar für die Freiheit, die Nicolas geschenkt hat. Sich und uns beiden.

Eine Freiheit, die nicht ohne unsere Verbindung ist, denn diese unsere Verbindung kann nicht verloren gehen.

In seinem Fokus auf das Körperliche, hat er dies zutiefst durchlebt und durchdrungen in aller Dunkelheit und allem Schmerz.

Um sich schließlich daraus zu befreien.

Um schließlich sich für die Wahrheit, die Freiheit und den ewigen Frieden zu entscheiden.

 

Es ist mir in höchstem Maß wichtig, diesen seinen freien Willen anzuerkennen.

Ich bin sicher, dass Nicolas sich befreit und erlöst hat. Er die Verantwortung für sein Sein wieder in die Hand genommen. Radikalstmöglich.

 

In seinem gesamten Sein, in seinem Weg und auch in diesem Schritt aus der hiesigen Erdenwelt, liegt ein Sinn.

Nach langem erschöpfenden Leid in das einzige Feld, das ihm geben kann, was er hier immerzu suchte und nicht finden konnte. Jetzt ist er in dieser Liebe aufgenommen.

 

Ich möchte zugeben, dass in den vergangenen Wochen Gedanken angeklopft haben wie „was hätte ich an welchen Stellen anders machen können?“ und ich weiß, dass es vielen von euch ebenso geht.

Und die Antwort ist: Nichts wirklich. Und: es spielt keine Rolle. Wir haben viel getan und unser Bestmögliches gegeben.

 

Es liegt eine große Chance darin, zu erkennen, dass es hier keine Schuld gibt. 

Es scheint mir gerade so wesentlich, die Freiheit, für die er sich entschieden hat, anzuerkennen. Ohne Vorwurf und ohne Schuldzuweisung in jedwede Richtung.

 

Dann bleibt mir, mich zu verneigen vor seinem Weg, vor seiner Kraft und seinem Mut, vor seinem Entschluss.

Ich möchte achten, was zu achten ist, benennen, was es zu benennen gilt und annehmen, was ist - ohne jeden Gedanken an ein Ungenügen.

Es gibt keine Schuld.

Und es gibt keinen Tod.

Es gibt die allumfassende Liebe.

Und es gibt ein Leben in Ewigkeit.

 

Nicolas ist - da bin ich sicher - längst als Phönix unterwegs auf seiner Reise in der Anderswelt.

 

Kraft meines Seins segne ich dich, lieber Nicolas, ich segne dein Leben, dein Ringen und dein Streben. Ich segne jeden einzelnen Moment deiner Erdenreise und ich danke dir für alles so vielfach Gegebene und all die Geschenke und die Schönheit, die du gebracht hast, für all die Musik, die Klänge, die Instrumente, für den Humor und das Visionäre, für deine Kunst und deine Perfektion. Für alles gemeinsam Erlebte und Vollbrachte, für jede Vergebung und für jede Dankbarkeit und deine Liebe.

Ich segne dich und dein Sein nun auf der anderen Seite,

jetzt und in der zeitlosen Ewigkeit.

So ist es.

 

UND   ICH   DANKE   DIR!

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